wingfun

IR(res) Island – Teil 3/3

IR(res) Island - Teil 3: Betrachtung der Infrarotfotografie in verschiedenen Themengebieten

Im Teil 1 meiner Beitragsserie "IR(res) Island" legte ich den Schwerpunkt auf die Grundlagen der Infrarot-Fotografie, wohingegen sich Teil 2 auf Infrarot-Fotografie unter schwierigen Lichtbedingungen konzentrierte. Im nunmehr letzten Teil meiner Beitragsserie erläutere ich zusammenfassend, anhand der einzelnen Themengebiete Landschafts-, Architektur-, People- und Street-Fotografie, warum ich begeisterter IR-Fotograf bin. Dabei gehe ich auf die Besonderheiten der einzelnen Themengebiete im Detail ein. Um dem Beitragstitel "IR(res) Island" gerecht zu werden, verwende ich natürlich auch für diesen Beitrag wieder ausschließlich Fotos meiner aufregenden Island-Reise mit den Dresdner Fotografen Frank, Torsten und Uwe. 😉

Infrarot-People-Fotografie

travellers

traveller (f3,5 | 1/20 s | ISO 400 )

Auf IR-Fotos mit erkennbaren Gesichtern sind oft die sehr dunkel abgebildeten Augen auffällig. Das ist dadurch begründet, dass Wasser die IR-Strahlung sehr stark absorbiert und folglich "schwarz" auf Fotos wiedergegeben wird. Da der Wasseranteil in unseren Augen sehr hoch ist, werden dort auch besonders viele IR-Strahlen absorbiert. Dieses wiederum führt zu gespenstig dunkel wirkenden Augen. 

Setzen wir uns eine Sonnenbrille auf die Nase und werden anschließend fotografiert, stellen wir auf IR-Fotos interessanterweise fest, dass diese für IR-Strahlung komplett durchsichtig sind. Dadurch kann bspw. (für viele überraschend) ein Augenzwinkern trotz Sonnenbrille hinter den vermeintlich verspiegelten Gläsern aufgenommen werden. (Eine kleine Anmerkung für alle James-Bond-Fans... mit einer IR-Kamera kann ebenfalls Kleidung durchdrungen werden, sofern sie rot ist. Allerdings solltet ihr keine Wunder erwarten.)

Ein weiteres Merkmal der IR-People-Fotografie ist, dass die menschliche Haut mit einem sehr hellen Ton wiedergegeben wird. Die Unreinheiten der Haut verschwinden aufgrund der geringen Reflexion von IR-Strahlen dabei fast vollständig, wodurch diese einen porzellanartigen Look erhält. Da die IR-Strahlung jedoch tiefer in die Haut eindringt als Strahlen des sichtbaren Lichts, gibt es in Abhängigkeit des Haut-Typs auch manchmal unerwünschte Nebeneffekte. Bspw. werden unter der Haut liegende Blutgefäße sichtbar, welches für ein Portrait-Foto nicht gerade vorteilhaft ist und nachträgliche Retusche-Arbeiten erfordert.

Ein größeres Mysterium der IR-Fotografie ist für mich die Abbildung von Haaren. Häufig werden sowohl dunkle als auch blonde Haare wesentlich heller abgebildet. In manchen Fällen ist wiederum kaum ein Unterschied feststellbar. Eventuell haben hier bestimmt Farbpigmente von Haartönungen einen Einfluss?

Somit können sowohl Haare, die menschliche Haut als auch Augen als IR-Reflektoren bzw. IR-Absorber, gestalterisch eingesetzt werden. Diese werden in der IR-Fotografie gegenüber der konventionellen Fotografie mit nicht-konvertierten Kameras auf Fotos anders abgebildet. Für mich eröffnet sich dadurch ein größerer Spielraum im Hinblick auf kreative Fotos. Dafür gibt es ein dickes Plus!

Infrarot-Street-Fotografie

urban forest

urban forest (f6,3 | 1/50 s | ISO 250)

Die meisten Fotografen verbinden Infrarot-Fotografie mit Landschafts- oder Architekturaufnahmen. Das lässt sich vor allem durch den viel beschriebenen Wood-Effekt - als Alleinstellungsmerkmal der IR-Fotografie - erklären und dadurch, dass Dunst von IR-Strahlen sehr gut durchdrungen wird. Dazu später mehr ...

Auf den meisten bzw. sehr vielen IR-Fotos im WWW handelt es sich um Langzeitbelichtungen, die unter Verwendung eines IR-Schraubfilters entstehen. Der Schraubfilter erfordert zwar wesentlich längere Verschlusszeiten ist aber bereits ab 30 € erhältlich. Nähere Erläuterungen hierzu gab es bereits im Teil 1 der Beitragsserie "IR(res) Island".

The deal

The deal (f5,6 | 1/200 s | ISO 200 )

Mit einer auf IR konvertierten Kamera, wie meiner Nikon D70s, eröffnen sich hingegen völlig neue Möglichkeiten - z.B. der Einsatz in der Street-Fotografie. Mit einer solchen Kamera können damit ähnlich kurze Verschlusszeiten erreicht werden, wie mit einer handelsüblichen (nicht-konvertierten) Kamera. Diese kurzen Verschlusszeiten eröffnen dem IR-Fotografen neue kreative Spielräume, wodurch die Street-Fotografie plötzlich ein interessantes Themengebiet für IR-Fotografen wird.

Das Foto "The deal" zeigt eine Straßenszene im Zentrum Reykjaviks. Weil die IR-Strahlung nur gering von Glasscheiben reflektiert wird, wurde die Person im Auto sehr gut abgebildet. Das Foto wirkt meines Erachtens dadurch wesentlich interessanter, da dadurch die komplett auf dem Foto eingefangene Geschichte (inkl. Autofahrerin) besser erzählt werden kann.

Infrarot-Architektur-Fotografie

Skyline of Reykjavik

Skyline of Reykjavik (f8,0 | 1/125 s | ISO 200)

Warum die IR-Fotografie auch für Architektur-Fotografen interessant sein kann, möchte ich euch folgendermaßen beantworten.

Durch die besondere Eigenschaft von IR-Strahlung Dunst und Nebel besser durchdringen zu können, als Strahlung im sichtbaren Bereich des Lichts, wird der Kontrast im Bild verstärkt. Jeder hat den Effekt schon beobachtet, wenn die Skyline einer Stadt an trüben Tagen trist und trostlos wirkt. Die gleiche Aufnahme mit einer IR-Kamera hingegen, weist wesentlich stärkere Kontraste auf, da der Dunst quasi unsichtbar für IR-Strahlen ist. Das wird am Beispiel des Fotos "Skyline of Reykjavik" verdeutlicht. In diesem Foto sind kontrastreiche Details bis zum Horizont erkennbar, obwohl diese Aufnahme an einem sehr bedeckten und trüben Tag entstand.

clock tower

clock tower (f9,0 | 1/160 s | ISO 200)

Auch bei sehr hohen Gebäuden, wie der Hallgrimskirkja in Reykjavik hindert der Dunst die IR-Strahlung nicht, sodass auch hervorragende Details in großer Höhe wie beim Foto "clock tower" kontrastreich abgebildet werden.

Darüber hinaus kann bspw. eine einzelne Wolke oder ein weißer Wolkenschleier im sonst "schwarzen" (bzw. klarem) Himmel ein Gebäude noch dramatischer erscheinen lassen. Wolkenstrukturen im Allgemeinen gelten als sehr gutes gestalterisches Mittel in der Architekturfotografie. Im Foto "viking" wird bspw. die Dynamik der Wikingerschiff-Skulptur am Reykjaviker Hafen durch die bedrohliche Wolkenstruktur hervorragend unterstützt. Auch bei den Fotos "Strandakirkja" und "concert hall" spielen die düsteren Wolken zur Hervorhebung bzw. Unterstützung der Architektur eine wichtige Rolle.

Somit sind die zu erreichenden Kontraste mit einer IR-Kamera ein weiteres großes Plus gegenüber herkömmlichen Kameras und sprechen für den Einsatz im Bereich der Architektur-Fotografie.

viking

viking (f6,3 | 1/160 s | ISO 200)

Strandakirkja

Strandakirkja (f8,0 | 1/125 s | ISO 200)

concert hall

concert hall (f8,0 | 1/125 s | ISO 200)

 

 

 

 

 

giraffe in town

giraffe in town (f9,0 | 1/160 s | ISO 400)

Aber auch ohne den Himmel in Betracht zu ziehen, gibt es bei der IR-Fotografie weitere wesentliche Unterschiede zur konventionellen Fotografie. Ein Beispiel dafür ist der unterschiedliche Reflexionsgrad der IR-Strahlung von Oberflächen. Dieses wird sehr gut am Foto "giraffe in town" zu verdeutlicht. Während für uns Fotografen der auf der Hauswand aufgemalte Spruch: "I have come here to chew bubbelgum and kick ass" sehr gut zu lesen war, sind nicht alle Worte auf der IR-Aufnahme sichtbar. Da jedes Wort in einer anderen Farbe aufgemalt wurde, werden auch die IR-Strahlen aufgrund der verschiedenen Farb-Pigmente unterschiedlich reflektiert bzw. absorbiert. Da das Wort "bubblegum" in roter Farbe aufgebracht wurde, ist dieses auf dem IR-Foto nicht lesbar. Der Grund dafür ist, dass der IR-Filter die rote Farbe der Schrift verstärkt, wodurch diese erheblich aufgehellt wird und nach der s/w-Konvertierung nicht oder kaum noch zu lesen ist.

Daher gibt es noch ein weiteres Plus von IR-Fotos im Bereich der Architekturfotografie... den Überraschungsmoment. 🙂

Infrarot-Landschafts-Fotografie

Kirkjufell

Kirkjufell (f8,0 | 1/13 s | ISO 250 )

Auf den Wood-Effekt, als besonderes Erkennungsmerkmal von IR-Fotos, bin ich bereits mehrfach eingegangen und habe diesen im Teil 2 der Beitragsserie "IR(res) Island" ausführlich erläutert. Anhand des Wood-Effekts wird erklärt, warum Pflanzen sowie die Blätter der Bäume auf s/w-konvertierten IR-Fotos in reinem "weiß" abgebildet werden und Landschaften in einem winterlichen Zauber erstrahlen. Für mich lohnt es sich schon allein aufgrund dieser Tatsache tiefer in die IR-Fotografie einzutauchen, welches wie zuvor erwähnt, mit einem preiswerten IR-Schraubfilter möglich ist.

Zusätzliche Möglichkeiten zur kreativen Arbeit im IR-Bereich eröffnet eine auf IR konvertierte Kamera. Der größte Vorteil des Kameraumbaus liegt darin, dass extrem kurze Verschlusszeiten ermöglicht werden. Längere Verschlusszeiten, wie sie mit herkömmlichen Kameras unter Verwendung von IR-Schraubfiltern vor dem Objektiv notwendig werden, entfallen dadurch. Aber es gibt natürlich auch für konvertierte IR-Kameras spezielle (und nicht einfach zu findende) Filter, um dennoch Langzeitbelichtungen zu ermöglichen. Diese funktionieren ähnlich einem Graufilter und verlängern die Verschlusszeiten für IR-Kameras. Nähere Infos zu den Vor- und Nachteilen eines Kameraumbaus findet ihr im Teil 1 unserer Beitragsserie "IR(res) Island".

Aufgrund der Darstellung des Himmelsblaus auf IR-Fotos  in reinem "schwarz", werden zudem harte Kontraste zu weißen Wolken oder Schleierwolken ermöglicht. Wolkenstrukturen im Allgemeinen treten somit wesentlich stärker hervor und geben den Fotos eine besondere Dramatik (siehe Foto "Kirkjufell").

floods

floods (f18 | 1/15 s | ISO 200)

Eine besondere Aufmerksamkeit möchte ich auf das Fotografieren von Wasser richten. Grundsätzlich wird Wasser im IR-Bereich gleichermaßen wie blauer Himmel in "schwarz" abgebildet (für Erläuterungen hierzu siehe Teil 2 der Beitragsserie "IR(res) Island"). Sobald Wasser jedoch in Bewegung ist, wird es plötzlich "weiß" abgebildet, was auf den ersten Blick verwirrend scheint. Dieser Effekt kann sehr gut anhand Fotos "floods" beobachtet werden. Das stürzende Wasser ist "weiß", während das ruhigere Wasser fast gleichermaßen "schwarz" ist, wie die Felsen.

Grundsätzlich absorbiert langsam fließendes Wasser (wie bspw. in einem See oder Fluss) die IR-Strahlen und wird "schwarz" abgebildet. Währenddessen wird das den Wasserfall herabstürzende Wasser "weiß" wiedergegeben, weil dieses natürliche Lufteinschlüsse enthält. Da diese Lufteinschlüsse die IR-Strahlen streuen und reflektieren, sind für das "weiße" Wasser des Wasserfalls verantwortlich.

borderline fence

borderline fence (f7,1 | 1/250 s | ISO 200)

Noch spannender und häufig in der IR-Fotografie anzutreffen (wenngleich häufig kontrovers diskutiert) sind Falschfarbenfotos. Sie wirken oft wie Kunstwerke, denn sie bilden die Welt anders ab als wir sie wahrnehmen.

Da wir im IR-Bereich nicht sehen können, erkennen wir folglich auch keine Farben. Selbst wenn das möglich wäre, würden wir IR vermutlich einfarbig wahrnehmen. Statt diese Fotos aber in s/w zu konvertieren, können wir ihnen auch Farben zuweisen. Diese Farben sind jedoch gegenüber "normalen" Fotos verschoben. Warum? Weil wir verschiedene Spektralbereiche zusammenführen.

1. Spektralbereich des sichtbaren Lichts
Das sichtbare Licht ist Teil des Elektromagnetischen Spektrums, welches vom menschlichen Auge wahrgenommen wird. Der Spektralbereich befindet sich zwischen 400 nm und 700 nm.

2. Spektralbereich des nahen Infrarot-Lichts
Der Kamerasensor ist im Spektralbereich des nahen Infrarot-Lichts (ab 700 nm Wellenlänge) bis zu einer Wellenlänge von 1.000 nm empfindlich und kann daher für fotografische Zwecke genutzt werden. Dieser Spektralbereich wird jedoch vom menschlichen Auge nicht wahrgenommen.

Wenn wir diese verschiedenen Spektralbereiche in einem Bild zusammenführen, müssen wir also dem IR-Spektralbereich eine beliebige Farbe zuweisen, um ihn für uns sichtbar zu machen. Egal welche Farbe von uns zugewiesen wird, sie entspricht nicht der menschlichen Wahrnehmung. Vielmehr wird der Bereich des IR-Lichts in den Bereich des sichtbaren Lichts "übersetzt". Deshalb sprechen wir auch von Falschfarbenfotos, weil sie von unserer gewohnten Farbwahrnehmung abweichen.

moving earth

moving earth (f8,0 | 1/200 s | ISO 200)

Sofern wir also bspw. einen "schwachen" IR-Filter verwenden (z.B. 680 nm-Filter), der für IR-Licht durchlässig und für sichtbares Licht teildurchlässig ist, besteht im Post-Processing-Workflow eine weitere Möglichkeit sich im Bereich der Farb-Infrarotfotografie kreativ zu entfalten. Die Nachbearbeitung von Falschfarbenfotos können erstaunliche Ergebnisse hervorbringen (für nähere Erläuterungen siehe Teil 1). Das Foto "borderline fence" entstand während unserer Reise auf dem "Golden circle" und ist ein sehr gutes Beispiel für ein Falschfarbenfoto.

(Der Effekt kann übrigens auch erzielt werden, indem zuerst ein "normales" Foto aufgenommen wird und anschließend das gleiche Foto mit vorgesetztem starken IR-Filter. Danach müssen die Farbkanäle der beiden deckungsgleichen Fotos in Photoshop verrechnet werden, wodurch gleichermaßen ein Falschfarbenfoto entsteht.)

Jetzt wo die Beitragsserie an dieser Stelle endet, blicke ich ein wenig wehleidig auf eine schöne Zeit mit meinen Fotografen-Kumpels auf Island zurück. In dieser einen Woche vor Ort habe ich mehr über IR-Fotografie gelernt, als in allen Tutorials zuvor. Island ist und bleibt der perfekte Ort für Fotografen, um sich auszuprobieren, mehr über sich selbst und seine eigenen Vorlieben herauszufinden und einzigartige Fotos zu schießen. Daher auch von mir die allgemeine Empfehlung an alle... "Probieren geht über Studieren". Und wer weiß, vielleicht findet ja auch der Ein oder Andere von euch Gefallen an der IR-Fotografie?

Für diejenigen unter euch, die sich durch alle drei Teile unserer Beitragsserie gelesen haben... Herzlichen Glückwunsch zum Durchhalten! Ich hoffe, ihr seid etwas schlauer geworden und fandet meine Erklärungen zur Infrarot-Fotografie einigermaßen verständlich, vor allem aber die Island-Fotos ansprechend.

Euer Sandro
photo-bloom-Team